Eine komplexe und gleichzeitig extrem abwechslungsreiche Aufgabe

(Steffi Behrmann) Geriatrische Pflege ist eine komplexe und gleichzeitig extrem abwechslungsreiche Aufgabe, finden die Gesundheits- und Krankenpflegerinnen des EVK Münster, Katharina Bujak und Julia Lösing

Interview mit Katharina Bujak, stellv. Abteilungsleitung Geriatrie und geriatrische Tagesklinik, und Julia Lösing, stellv. Abteilungsleitung Innere Medizin, Geriatrie und Zentrale Notaufnahme, des Evangelischen Krankenhaus Johannisstift Münster (EVK) anlässlich des Internationalen Tages der Pflege am Sonntag, den 12. Mai.

Warum fiel die Entscheidung für die Pflege in der Geriatrie?

Katharina Bujak: Also für mich war geriatrische Pflege schon immer ein zukunftsträchtiger Arbeitsplatz. Die Menschen werden immer älter: Plätze in Pflegeheimen sind knapp, Pflegedienste sind am Limit ihrer Kapazität – trotzdem muss die Versorgung gewährleistet sein. Man möchte ja selbst auch am liebsten bis ins hohe Alter zu Hause bleiben. Um das zu ermöglichen, ist mir Frührehabilitation ein großes Anliegen. Mit unserem interdisziplinären Team im EVK versuchen wir wieder das Bestmögliche aus den betagten Patienten herauszuholen.
Julia Lösing: Ich konnte mich nach der Ausbildung eigentlich gar nicht für einen Fachbereich entscheiden und bin eher durch Zufall in der Geriatrie gelandet. Da musste ich erst einmal verstehen, was Frührehabilitation und Akutgeriatrie überhaupt bedeutet – nämlich mehr als die reine Pflege älterer Menschen. Wie Katharina sagte, liegt der Fokus besonders auf dem Stärken der persönlichen Ressourcen – und das klappt. Teilweise kommen unsere Patienten bettlägerich an und verlassen fußläufig das Krankenhaus. Das ist eine komplexe und gleichzeitig extrem abwechslungsreiche Aufgabe! Pflege in der Geriatrie ist eben nicht nur internistisch, nicht nur neurologisch, sondern auch chirurgisch, mit Wundtherapien und sozialen Indikationen.

Und wie verläuft ein typischer Tag in der Geriatrie?

Katharina Bujak: Einen typischen Tag gibt es eigentlich nicht.
Julia Lösing: In der Geriatrie ist es wirklich immer irgendwie anders, weil die Patienten immer andere Erkrankungen mitbringen. Man kann daher gar nicht nach Schema F pflegen, sondern ist immer individuell gefordert.
Katharina Bujak: Genau! Immer mehr ältere Patienten haben zum Beispiel nach einer OP ein Delir, einem Verwirrtheitszustand, oder leiden an einer alltagsbedingten Demenz. Da muss man sich jeden Tag auf etwas Neues einstellen.

Gab es in der Vergangenheit besonders prägende Erfahrungen für euch?

Julia Lösing: Da gibt es eine Menge! Beispielsweise erinnere ich mich an einen Schlaganfall-Patienten mit einer ausgeprägten Halbseitenlähmung, der zu Anfang nur im Bett sitzen konnte und aufgrund eines Neglects seine Körpermitte gar nicht wahrnahm – also nur eine Gesichtshälfte spürte. Dieser Patient saß nach ein paar Tagen im Pflegerollstuhl am Waschbecken und hat sich eigenständig das ganze Gesicht gewaschen. Das ist der Knaller! 
Katharina Bujak: Es sind wirklich die Kleinigkeiten, die beeindrucken. Für die Meisten ist das selbstverständlich, aber eigenständig wieder nach einem Glas Wasser greifen zu können, um seinen Durst zu stillen, selbst seine Zähne zu putzen oder die Haare zu kämmen – das ist unfassbar viel wert. Im Grunde gibt es unzählige, weitere Beispiele. Es ist einfach toll zu sehen, was das Gehirn durch gezielte Übungen alles neu verknüpfen und wieder erlernen kann.

Nun wird das Thema Pflege in den Medien derzeit viel diskutiert. Aktuelle Zahlen zeigen, dass allein in NRW rund 10.000 pflegerische Vollzeitkräfte fehlen. Was würdet ihr euch für die Zukunft wünschen?

Katharina Bujak: Ich hoffe, dass dem Beruf der Pflege wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Wir verteilen nicht nur essen, wechseln Vorlagen und trinken unseren Kaffee. Ich liebe meinen Job aber ich brauche und möchte mehr Zeit für meine Aufgaben und die Patienten. Auch in der Position als stellv. Abteilungsleitung wünsche ich mir mehr Zufriedenheit für die Kollegen. Momentan dominiert das Gefühl: Ich tue was ich kann, was soll ich denn noch mehr machen? Aber damit gehe ich ja nicht zufrieden nach Hause.
Julia Lösing: Man hat das Gefühl, man hetzt von einem Patienten zum nächsten, hat kaum eine Minute für ein Gespräch und muss alle vertrösten. Im Schichtsystem trägt man dann seine Aufgaben auch nur weiter an die nächsten Kollegen. Da beißt sich die Katze irgendwann selbst in den Schwanz und das frustriert. Daher kommt wohl auch das große Nachwuchsproblem in der Branche. Wir möchten aber besonders junge, motivierte Leute für den Beruf begeistern, denn die Pflege am Menschen gibt einem so viel zurück.

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